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Warum ein Kind?

Wieso ist der Kinderwunsch ein soviel intensiverer, schmerzlicherer,
innigerer Wunsch als viele anderen Wünsche und Sehnsüchte,
mit denen wir uns während unseres Lebens konfrontiert sehen?

Wieso wollen wir Kinder? Was ist der Grund dafür?

An und für sich ist der Kinderwunsch meiner Meinung nach nichts, was man hinterfragen muss, in dem Sinne, dass man ihn “rechtfertigen” muss. Nein, eine Rechtfertigung braucht der Kinderwunsch nicht. Denn er IST einfach. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber der Kinderwunsch ist ein Wunsch, den fast alle menschlichen Wesen auf dieser Welt gemein haben... das ist doch schon erstaunlich und kann uns zu denken geben.

Wenn wir die Sehnsucht nach Kindern rational betrachten, können wir sie kaum begründen. Denn ein Leben mit Kindern ist nicht unbedingt erstrebenswerter als eines ohne. Schließlich bedeutet es Verzicht auf jeder Ebene. Im partnerschaftlichen Sinne. Im finanziellen Sinne. Im beruflichen Sinne. Im persönlichen Sinne.

Was müssen wir nicht alles aufgeben für ein Leben mit Kindern? Unseren Beruf, unsere Karriere - und somit oft auch eine gewisse finanzielle Sicher- und Freiheit. Aber wir geben auch unsere harmonische Partnerschaft auf. Eine Partnerschaft MIT Kindern ist nunmal etwas anderes als ohne. Es geht nicht mehr nur um zwei Personen, sondern da sind aufeinmal mehrere. Und wir können uns nicht mehr so auf unseren Partner / Partnerin konzentieren wie bisher.

Und wir geben auch viele unserer eigenen, persönlichen Sehnsüchte und Gewohnheiten auf. Nichts mehr mit langem Ausschlafen. Mit bunter Freizeitgestaltung wie Hobbies oder aufregenden Urlauben. Nein - die nächsten Jahre wird sich alles nur noch um unsere Kinder drehen. Ist das denn - rational betrachtet - wirklich so viel erstrebenswerter als ein ruhiges, finanziell stabilieres, ausgeglichenes Leben zu zweit, in einer harmonischen Partnerschaft mit vielen Freiheiten?

Vermutlich nicht.

Und doch - wir geben all das ohne mit der Wimper zu zucken auf für das Leben mit Kindern.

Also, was treibt uns dazu, Kinder zu haben?

Einen wichtigen Aspekt habe ich bereits in der Rubrik “Psyche / Seele” angesprochen. Der Kinderwunsch ist - so unromantisch es auch klingen mag - ein Lebenstrieb, der jedes Wesen in der mittleren Lebensphase einnimmt. Der Trieb nach Vermehrung, ohne den die Erdbewohner schon lange ausgestorben wären. Ein Trieb, der jedwedem Lebenwesen, sei es nun Mensch, Tier oder Pflanze, zugrunde liegt und eng mit dem Sexualtrieb verknüpft ist.

Wir wollen uns fortpflanzen. Das ist tief in uns verwurzelt. Artenerhaltung könnte man es auch nennen. Und da es einer der Haupttriebe ist, ist er vergleichbar mit dem Überlebens- und Sexualtrieb. Aus demselben Grunde wie wir essen und trinken, wollen wir auch ein Kind. Der Trieb und somit der Wunsch sind essentiell. Und somit ist es auch so schwierig, wenn dieser Trieb nicht befriedigt werden kann.

Aber es gibt noch andere Gründe für den Kinderwunsch. Und die zu erkennen, ist manchmal wichtig, denn so oft neigen wir dazu, den Wunsch nach Kindern mit anderen Wünschen zu überlagern. Beispielsweise die Sehnsucht, weniger arbeiten zu müssen. Mehr zu Hause sein zu können. Die Sehnsucht, Dinge, die uns selbst in unserer eigenen Kindheit im Umgang mit unseren Eltern missfallen haben, gefehlt haben, wiedergutzumachen. Oder: besser zu machen.

Vielleicht denken wir, ein Kind rettet unsere Partnerschaft. Gibt ihr neuen Auftrieb, Schwung. Oder er macht uns weiblicher, zu einer attraktiveren, besseren, vollwertigeren Frau.

Oft steht der Kinderwunsch für durchaus normale, aber in ihrer Wurzel rein egoistische Sehnsüchte. Zu einem gewissen Teil ist das ganz normal und auch akzeptabel - wenn man sich darüber bewusst ist. Ich beispielsweise gebe offen zu, dass ich mich schon immer nach einem Leben als Mutter und Hausfrau gesehnt habe. Ich stelle es mir durchaus erstrebenswert vor, nicht mehr arbeiten gehen zu müssen, im Haus zu wuseln, Kekse backen und Bastelarbeiten machen zu können. Vielleicht auch, weil meine Mutter nie der Typ “häuslisch” war?

Aber ich bin mir durchaus dieser Tatsache bewusst und auch der Tatsache, dass ich - wenn ich diese Sehnsucht wirklich nicht mehr aushalte - sie mir auch ein Stückweit ohne Kind erfüllen kann. Ich muss schließlich nicht arbeiten gehen (ohne Kind hätte ich das Geld schließlich auch nicht!).

Aber wenn sich die Wünsche und Sehnsüchte zu sehr mit dem Kinderwunsch überlagern und ihn als “Kanal” nutzen, ist auch das oft ein Grund, der einer Empfängnis im Wege stehen kann.

Nicht selten habe ich es bei Kinderwunschfrauen / paaren erlebt, dass der Gedanke an die Schwangerschaft und das Kind in einem extrem verklärten Licht gestanden hat. Die Schwangerschaft wird gleichgesetzt mit der Lösung nahezu aller Probleme.

Grundsätzlich streitet das fast jede von uns ab... aber wir täuschen uns gerne in uns selbst. Ein kleiner Test: wenn ihr daran denkt, wie es wohl sein wird, wenn ihr doch irgendwann schwanger seid bzw. ein Kind haben werdet... wie seht ihr das? Denkt ihr in diesem Moment an das Glück, an die Liebe, an die Freude, die ihr empfinden werdet? Seht ihr euch in eurem inneren Auge als freudestrahlende, überglückliche, sorgenfreie Schwangere und Mutter? Oder schafft ihr es, im selben oder zumindest im nächsten Augenblick auch an die Dinge zu denken, die eben NICHT rosig sind? An schlaflose Nächte? An körperliche Beschwerden während der Schwangerschaft? An all diese nüchteren Dinge?

Ich kann sagen: ich schaffe das nur höchst selten und bis vor einem Jahr habe ich es gar nicht geschafft.

Es ist wichtig, dass wir den Kinderwunsch aus dem großen Mischmasch aller anderen Wünsche und Sehnsüchte, die in uns schlummern, herausdifferenzieren und ihn als das pure sehen, was er ist: der Wunsch und die Sehnsucht, Mutter / Vater lebender Kinder zu sein. Und dem Wunsch nach einer Schwangerschaft. Denn auch hier ist zu differenzieren.

Warum wohl sonst geht es selbst Frauen, die Babys adoptiert haben, oft so, dass sie die Sehnsucht nach einer schwangerschaft TROTZ Mutterschaft immer noch verspüren.

Es ist wichtig, den Kinderwunsch auf die Erde zurückzuholen und ihn zu entromantisieren. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass auch Frauen, die nach jahrelangem Warten auf den Kindersegen schwanger wurden und Kinder bekamen, nicht immer glücklich sind. Dass sie weiterhin ihre Ängste haben, Sorgen und Nöte. Andere als vorher, als sie noch einen unerfüllten Kinderwunsch hatten. Aber nicht unbedingt einfacherere.

Dass es Beziehungen gibt, die jahrelang das Los des unerfüllten Kinderwunsches getragen und überstanden haben, und nach Geburt des Kindes zerbrechen.

Dass es Mütter gibt, die jahrelang auf ihr Kind gewartet haben, und denen es nach der Geburt des Kindes schlechter geht als vorher.

Dass es Schwangere gibt, die jahrelang auf diese Schwangerschaft gewartet und sich nichts sehnslichster gewünscht haben, denen es schlecht geht und die sich in mancher stillen Stunde ein paar Monate zurücksehnen - zurück zu dieser unschwangeren, aber glücklichen und gesunden Person, die sie einmal waren.

Das sind keine Erfindungen oder gemeine Schauergeschichten, sondern Realitäten.

Viele Mütter sagen, dass sie zu ihrer Mutterschaft eine gerademal 50:50 Begeisterung aufbringen können. Weil es eben nicht NUR Zuckerschlecken ist - ganz im Gegenteil. Kinder zu haben ist manchmal einfach ernüchternd anstrengend und oft genug sehnt sich manch Mutter wieder nach der Zeit zurück, als ihre Abende ihr und ihrem Mann gehörten, ihr Körper noch jung und straff war und sie in ihrer Freizeit jede Woche ein Buch lesen konnte - während sie heute nur noch eines pro Jahr schaffen kann... wenn sie irgendwann zwischen Wäschewaschen, putzen, Streit schlichten, Besorgungen machen, Nase putzen, Hinterherräumen und GuteNachtGeschichten-Erzählen eine Minute findet, in der sie Zeit hat und nicht zu müde ist.

Auch die romantische Vorstellung des Kindes als Gipfel der Liebe zwischen zweier Menschen ist nur teilweise “wahr”. Natürlich gibt es nichts verzaubenderes als den Gedanken, dass aus uns beiden Menschen, die wir uns so lieben, ein neues Leben entsteht. Und doch - vermutlich wird dieses Kind unserer Partnerschaft nicht gerade die harmonischsten Phasen bescheren, die sie je erlebt hat.

Sich all diesen Aspekten immer mal wieder bewusst zu werden, finde ich ganz wichtig und heilsam. Erstens, weil es verhindert, den Kinderwunsch mit der Erfüllung aller anderer Sehnsüchte gleichzusetzen. Uns wird klar, dass gewisse Unzufriedenheiten aus NACH der Geburt des Kindes noch bleiben werden. Umso wichtiger ist es, sie jetzt in Angriff zu nehmen.
Und außerdem tut es auch gut und hilft uns, die Annehmlichkeiten des kinderlosen Daseins auch zu würdigen. Das macht vieles oft um vieles leichter.

Was also ist der Kernpunkt des Kinderwunsches ? Wenn wir zu dieser Frage zurückkehren, kann ich für mich definieren, dass es ein Mischmasch aus vielerlei Aspekten ist. Ganz oben steht natürlich der Fortpflanzungstrieb. Aber auch viele, versteckte Sehnsüchte. Und natürlich die Mutterliebe, die wir empfinden, selbst, wenn wir noch keine lebenden Kinder haben.

Denn jede Frau ist nun einmal Mutter, zumindest von ihrer Stellung im Lebenskreis her. Das zeigen uns nicht nur unsere Hormone, unsere Menstruation. Nein, das zeigen auch unsere Mutterinstinkte, die eine Kinderwunschfrau ebenso hat wie eine Nicht-Kinderwunschfrau. Jede Frau trägt sie in sich. Sie sind uns naturgegeben und wollen ausgelebt werden. Uns unsere Männer tragen die Vaterinstinkte in sich.

Und dann - ja, dann ist da natürlich auch die Sehnsucht nach dem Wunder des Lebens, das niemand so nah und innig erleben kann, wie eine Frau, die ein Kind in sich trägt und gebärt bzw. ein Mann, der miterlebt, wie sein Kind im Bauch seiner Frau heranwächst und geboren wird.

Dies ist eine Erfahrung, nach der wir uns sehnen und ja, vermutlich ist sie genauso essentiell wie der Wunsch zur Fortpflanzung an sich.

Die Frage: Warum ein Kind? ist also auf der einen Seite leicht und auf der anderen Seite nahezu gar nicht zu beantworten.

Der Kinderwunsch IST einfach. Nicht mehr und nicht weniger.

Und doch sollten wir versuchen, ihn nicht in einen Mantel aus romantischen Vorstellungen zu hüllen oder ihn als Symbol für viele unserer anderer Sehnsüchte und Hoffnungen zu machen.

Wenn uns das gelingt, können wir wieder freier und leidenschaftlicher leben. Denn das ist das allerwichtigste. Wenn es unser Schicksal sein sollte, in diesem Leben nicht die Erfahrung machen zu dürfen, wie es ist, Kinder zu haben, so haben wir andere Aufgaben und Erfahrungen, die auf uns warten.

Bei allem ist es aber am allerwichtigsten, intensiv und leidenschaftlich zu leben. Und das können wir nur, wenn wir uns bewusst machen können, was uns der Kinderwunsch nimmt - aber auch, was er uns GIBT.

 

sonnenblume03

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